Kölner Archiv-Einsturz 2009: Wie eine Baustelle die Stadtgeschichte auslöschte
Nico KellerKölner Archiv-Einsturz 2009: Wie eine Baustelle die Stadtgeschichte auslöschte
Ein verheerender Einsturz zerstörte 2009 das Historische Archiv der Stadt Köln – innerhalb von Minuten verschlangen sich 1.000 Jahre Dokumente im Erdreich. Zwei Männer kamen ums Leben, als sich unter benachbarten Häusern ein gewaltiger Erdfall durch Grundwasserbildung auftat. Die Katastrophe, die mit dem U-Bahn-Bau zusammenhing, legte eklatante Mängel in der Aufsicht und Sicherheit offen.
Das Kölner Stadtarchiv beherbergte 1,7 Millionen Akten, als das Gebäude am 3. März 2009 in sich zusammenbrach. Der Einsturz ereignete sich während der Bauarbeiten für die Nord-Süd-U-Bahn-Linie, ein Projekt unter der Leitung der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) – einer Behörde ohne vorherige Erfahrung mit derart groß angelegten Vorhaben. Spätere Ermittlungen deckten auf, dass kritische Stahlträger vor der Katastrophe gestohlen und an einen Schrotthändler verkauft worden waren, was die Statik des Gebäudes schwächte.
Die Bergungsarbeiten zogen sich über Monate hin, während Arbeiter zerfetzte Papierschnipsel durchsiebtten. Einige Fragmente wurden erst 2010 geborgen, sodass Lücken in den historischen Aufzeichnungen der Stadt blieben. Juristische Verfahren schliffen sich über Jahre dahingehend, dass 2018 erste Verurteilungen ausgesprochen wurden und die letzten noch anhängigen Fälle 2024 wegen Verfahrensfehlern und nachlassendem öffentlichen Interesse eingestellt wurden.
Die Baustelle selbst ist bis heute unvollendet. 2023 war lediglich eine teilweise Betonverfüllung erfolgt, zurück blieb eine Landschaft aus Sandhügeln und wildwuchernder Vegetation. Eine nach dem Einsturz provisorisch verlegte Betonplatte soll nun entfernt werden, da die U-Bahn-Bauarbeiten wiederaufgenommen werden – mit dem Versprechen, die Fahrzeit um acht Minuten zu verkürzen. Unterdessen wurde 2022 am Bauzaun Reinhard Matz' Kunstwerk "Klagelied in acht Tafeln" installiert, eine bildliche Auseinandersetzung mit der Katastrophe.
Seit 2011 setzt sich die Aktivistengruppe ArchivKomplex für Mitsprache bei den Neugestaltungsplänen und ein würdevolles Mahnmal ein. Ihre Forderungen bleiben bestehen, während die Stadt mit dem ungelösten Erbe des Ortes ringt.
Der Einsturz tilgte Jahrhunderte Kölner Geschichte und forderte zwei Menschenleben. Die juristischen Auseinandersetzungen sind beendet, doch die Baustelle bleibt eine sichtbare Narbe. Während die U-Bahn-Arbeiten voranschreiten und Aktivisten weiterhin um Anerkennung kämpfen, wirkt die Katastrophe mehr als ein Jahrzehnt später nach.






