Wie Halberstadts jüdische Geschichte von Nazis und DDR verschwand
Philipp Grafs neues Buch untersucht die getilgte jüdische Geschichte Halberstadts unter den Nazis und später in der DDR
In „Verweigerte Erinnerung“ deckt Philipp Graf auf, wie die einst blühende neorthodoxe jüdische Gemeinde der Stadt zerstört und in Vergessenheit geraten ist. Das Werk hinterfragt zudem die antifaschistischen Politiken der DDR und deren Versagen im Umgang mit Antisemitismus.
Die jüdische Gemeinde Halberstadts, ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxen Judentums, wurde bereits lange vor den Luftangriffen von 1945 systematisch zerschlagen. Die Niederbrennung der Synagoge 1938 markierte den eigentlichen Beginn der Verwüstung der Stadt. Später, unter DDR-Herrschaft, wurde das Erbe ihrer jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner weiter unterdrückt statt bewahrt.
In der Nähe entwickelte sich das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge zu einem Ort umkämpfter Erinnerung. 1949 entstand dort zunächst ein Mahnmal für die Opfer von Zwangsarbeit. Bis 1969 wurde es umgestaltet – nicht nur als Gedenkstätte, sondern auch als Bühne für politische Treuebekundungen, die direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet wurde. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Stollen des Lagers in den 1970er-Jahren als Militärdepot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.
Der Umgang der DDR mit jüdischer Geschichte blieb widersprüchlich. 1969 erschienen zwar Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker in Ostdeutschland – seltene literarische Zeugnisse der Vergangenheit. Doch die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übergesiedelt war und in Ost-Berlin drei Schallplatten aufgenommen hatte, verschwand nach dem Sechstagekrieg aus den Programmen. Graf zeigt, dass solche Widersprüche auf tiefere Defizite in der antifaschistischen Ideologie der DDR verweisen.
Anhand von Archiven, Interviews und Literatur rekonstruiert „Verweigerte Erinnerung“, was verloren ging – und warum. Die Erkenntnisse stellen herkömmliche Analysen von links- und rechtsextremer Diktatur infrage sowie die Kontinuität von Antisemitismus unter dem Staatssozialismus.
Die Forschung des Buches belegt, wie Halberstadts jüdische Geschichte aktiv verdrängt wurde – zunächst von den Nazis, später durch die selektive Erinnerungspolitik der DDR. Die Forderung nach einer Neubewertung historischer Deutungsmuster kommt zu einer Zeit, in der Fragen nach historischer Verantwortung weiterhin ungelöst sind. Das Mahnmal in Langenstein-Zwieberge, heute ein Ort vielschichtiger Bedeutungen, steht als mahnendes Symbol dieser Verdrängung.






